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07.1996 Zappeln erlaubt Öko-Test Magazin

Zappeln erlaubt 

Öko-test-Magazin,  Ausgabe Juli 1996, von Martina Keller

Als Leiter der Abteilung Ergonomie beim Bergbauunternehmen Rheinbraun hat Wilfried Becker schon manches durchgesetzt, zum Beispiel Bürostühle, die zu den Körperproportionen der Mitarbeiter passen. Als sich der 44jährige kürzlich einmal die Schularbeitsplätze seiner beiden Kinder angeguckt hat, war er entsetzt: Die 14jährige Anke, die es auf ein Gardemaß von I,82 Meter bringt, und der 17jährige Daniel, mit 1,90 ebenfalls nicht klein geraten, müssen sich auf winzige Stühle zwängen und über viel zu niedrige Tische beugen. »Das ist Gesundheitsgefährdung «, schimpft Becker. Zunächst hat er bei der Schulleitung des Kölner Gymnasiums protestiert, doch die winkte ab - kein Geld für neues Mobiliar. Jetzt will Becker sich bei der Schulbehörde beschweren. 

Gutes Mobiliar für Kinder ist kein Luxus sondern Gesundheitsvorsorge. Zahlreiche Untersuchungen belegen, daß schon junge Menschen massive Rückenprobleme haben: Bis zu 60 Prozent aller Schulkinder haben Haltungsschwächen. 27 Prozent leiden an Kreuzschmerzen. Bei einer Untersuchung in Ostdeutschland zeigten 80Prozent Muskelfunktionsstörungen. Wer zu lange und in der falschen Haltung sitzt, nimmt noch eine ganze Latte weiterer Probleme in Kauf: Zum Beispiel Kopf schmerzen, Verspannungen und eine schlechte Durchblutung der Beine. 

Passende Stühle und Tische helfen, Beschwerden zu Vermeiden. Als wichtigste Regel gilt: Die Höhe der Sitzfläche, der Tischplatte und der Stuhllehne müssen zu den Körpermaßen der Kinder passen. Da die sich naturgemäß laufend ändern, müssen auch Stühle und Tische mitwachsen. Die norwegische Firma Stokke bietet mit Tripp Trapp einen Stuhl, in dem Kinder jeden Alters mit am Eßtisch sitzen können. Die Sitz- und Fußplatte läßt sich nach Bedarf verstellen. Für die Allerkleinsten gibt es außerdem einen Bügel, der sie am Herausfallen hindert. 

Am Eßtisch sitzen Kinder meist nur während der Mahlzeit, am Schreibtisch dagegen unter Umständen stundenlang. Deshalb sind an den Schularbeitsplatz besonders hohe Anforderungen zu stellen. Stuhl und Schreibtisch sollten in der Höhe verstellbar sein. Es empfiehlt sich, die richtige Einstellung jedes halbe Jahr zu überprüfen, am besten, indem der Sprößling die sogenannte Lehrbuchhaltung einnimmt: Die Abmessungen stimmen, wenn Oberschenkel und Unterschenkel, Oberarm und Unterarm etwa einen rechten Winkel bilden, die Füße entspannt auf dem Boden stehen und die Unterarme bequem auf dem Tisch liegen, ohne daß die Schultern hochgezogen werden müssen. 

Ansonsten hat die steife Rechtwinkligkeit, die Kinder im vorigen Jahrhundert bisweilen noch festgeschnallt in Gurten einüben mußten, ihre einsame Vorbildfunktion verloren. Zwar ist es wichtig, daß Kinder sich im Sitzen immer wieder aufrichten, weil sie dadurch ihr  Wirbelsäule entlasten. Doch  diese Haltung ist nur eine von vielen, die kleine wie große Menschen abwechselnd einnehmen sollten. Erst der Wechsel ermöglicht es den Bandscheiben, sich zu regenerieren. In puncto Beweglichkeit haben Kinder meist beste Anlagen, solange sie ihnen nicht abtrainiert werden: Sie rutschen gerne auf ihrem Stuhl hin und her, kippeln nach vorne oder hinten, stützen sich auf den Tisch oder hocken sich auf die eigenen Beine. Orthopäden freut das. Stundenlanges Stillsitzen ist aus ihrer Sicht unerwünscht. Ein Zappelphilipp komm dem neuen Haltungsideal des dynamischen Sitzens mit Sicherheit näher. 

Gute Stühle sind solche, die unterschiedliche Sitzhaltungen zulassen oder sogar begünstigen. Zum Beispiel gibt es Modelle, deren Sitzflächen sich nach vorne neigen, wenn ein Kind sein Gewicht verlagert. Das Becken kippt dann leicht nach vorne, so daß zwischen Oberkörper und Oberschenkel ein Sitzwinkel von etwa 120 Grad entsteht. Diese Haltung begünstigt aufrechtes Sitzen und entlastet die Bandscheiben. 

Beim dänischen Back-up- System, das in Zusammenarbeit mit dem Kopenhagener Bildungsministerium entwickelt wurde und mittlerweile auch an rund 500 deutschen Schulen erprobt wird, ist die Sitzfläche sogar stets geneigt und nicht flexibel. Die Kinder nehmen eine Haltung zwischen Sitzen und Stehen ein. Trotzdem können sie sich zurücklehnen, ohne vom Stuhl zu rutschen: Eine Fußstütze am dazugehörigen Tisch gibt ihnen Halt. Sitzfläche und Lehne der Back-up-Stühle sind ebenso höhenverstellbar wie die Schreibplatte  des Tischs, die obendrein geneigt werden kann. Eine schräge Schreibunterlage ist wichtig, damit die Kinder beim Lesen, Schreiben oder Malen nicht ständig ihren Nacken beugen müssen. Hans-Jörg Windberg von der eher konservativen Bundesanstalt für Arbeitsschutz in Dortmund fragt sich zwar, wie oft wohl den Kindern auf so einer schiefen Ebene der Bleistiftherunterfallen mag. Aber selbst er glaubt, daß das »Gewohnheitssache « sei. Obendrein sind bei Schreibplatten mit Schräge in "- der Regel Rillen oder Kanten vorgesehen, in denen Füller und Stifte abgelegt werden können. Neu ist die geneigte Schreibunterlage im übrigen nicht: Sie war bereits im Mittelalter beliebt. 

Zahlreiche deutsche Hersteller bieten mittlerweile flexibles Mobiliar für Heranwachsende an. »Moll scheint ja wohl der Mercedes unter den Kindermöbeln zu sein.« Sichtlich beeindruckt steht ein Vater im Kölner Kindermöbelladen de Breuyn vor den Ausstellungsstücken der Firma aus dem schwäbischen Gruibingen. Mit Rollcontainer, Schreibtischleuchte und Utensilienfach gestylt in coolen Farben, wirken die Moll-Modelle wie Büromöbel für kleine Erwachsene. Keine Frage, daß ein PC-Tisch zum System dazugehört. Von der Funktion her sind die Moll-Möbel durchaus geeignet, Kinder bis ins Erwachsenenalter zu begleiten. Die Materialien lassen allerdings zu wünschen übrig: Moll verarbeitet überwiegend beschichtete Spanplatten, wenngleich die Firma auch eine Vollholzausführung ins Programm genommen hat. 

Kompromißlos ist in solchen Fragen die kleine süddeutsche Firma Biiraboom mit ihrem Tisch Burcito,was soviel wie Eselchen heißt. Belastbar und unverwüstlich soll das Modell sein, das die Kinder selber  höher und niedriger einstellen: können, Bei einer Maximalhöhe Von 72 Zentimeter kann es sogar als Stehpult benutzt werden. Der Tisch ist aus massiver Buche und somit reparaturfreundlich: Grobe Macken können leicht wieder herausgeschliffen werden. An mögliche Reparaturen hat die Firma auch bei anderen Defekten gedacht. Ersatzteile wie etwa die Stahlrohrseile, die zum Einstell-Mechanismus der Tischbeine gehören, werden auf Anfrage zugeschickt. 

In einigen Frankfurter Schulen sitzen die Kinder abwechselnd auf Stühlen und Sitz-Bällen, die es mittlerweile sogar »höhenverstellbar« gibt - sie werden dann auf bis zu fünf Ringen gelagert, die mit einem Klettverschluß verbunden werden. Experte Windberg von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz schätzt den Kugelsitz lediglich als Gyrnnask-Utensil  oder Spielgerät. Vom Sitz-Ball in der Schule oder zu Hause  am Schreibtisch hält er nicht viel, weil der Körper darauf instabil sei und die Kinder so ganz ohne Lehne in sich zusammensacken würden. Die Frankfurter Krankengymnastin Carina Weber sieht das anders. »Sinn des Balls ist, daß die Kinder ein bißchen Bewegung haben,« Aufrechtes Sitzen sei auf dem Ball genauso gut möglich wie auf jeder anderen Sitzgelegenheit. Die Kinder müßten nur dazu angeleitet werden. 

Allerdings ändern selbst perfekte Tische und Stühle und eine optimale Anleitung zum richtigen Sitzen nichts dar an, daß Sitzen keine ideale Körperhaltung ist. Messungen schwedischer Wissenschaftler haben ergeben, daß im Sitzen auf der Bandscheibe sogar stärkerer Druck lastet als im Stehen und fast ebensoviel  Druck wie in gebückter HaItung. Trotzdem ist der Stuhl in unseren Breiten nahezu der wichtigste Einrichtungsgegenstand. Nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder sitzen viel zuviel- in der Schule, bei den Hausaufgaben, vorm Computer oder Fernseher. Der Sportwissenschaftler Hans-Dieter Kempf aus Karlsruhe wollte wissen, wie viele Stunden am .Tag Kinder auf dem Po verbringen - und staunten nicht schlecht, als der Nachwuchs berichtete: Bereits Sechsjährige kommen auf fünf bis sechs Stunden täglich. Bei Acht- bis Zehnjährigen sind es sogar acht bis neuneinhalb Stunden. Das nimmt die Wirbelsäule auf Dauer krumm. Kinder sollten deshalb soviel Bewegung wie möglich haben und nicht von klein auf schon auf Sitzen getrimmt werden. Stühle und Tisch für Kindergartenkinder sind nach Auffassung des Kölner Ergonomen Ame Transfeld schlicht überflüssig. Kinder spielen schließlich viel lieber am Boden und malen mit Begeisterung im Stehen auf weiß tapezierten Kinderzimmerwänden: »Die Kleinen haben überhaupt nicht das Bedürfnis, sich hinzusetzen. Ein Tisch mit Stuhl macht erst Sinn, wenn Tätigkeiten verrichtet werden müssen, die im Stehen nicht zu bewältigen sind.«  Diszipliniert wird der Nachwuchs außerdem noch genug, wenn er erwachsen ist. Selbst die FIFA, der internationale Fußballverband, hat 1993 entschieden, internationale Spiele nur noch in reinen Sitzstadien austragen zu lassen. Mit den gefürchteten Ausschreitungen ist es dann tatsächlich vorbei - zumindest im buchstäblichen Sinn.

Ein krummer

Rücken ..

- Ein Tisch sollte in der Höhe verstellbar sein und eine neigbare Tischplatte haben. Die Sitzfläche und Lehne eines Stuhl sollten ebenfalls in der Höhe verstellbar sein. Günstig ist außerdem, wenn sich die Lehne in der Tiefe verstellen läßt, damit auch kleine Kinder sich anlehnen können. 

- Herkömmliche Tische und Stühle können Sie mit einigen Tricks rückenfreundlich gestalten: Lendenkissen und Sitzkeil erleichtern die wichtige Beckenkippung nach vorn. Ein Pultaufsatz mit einer Schräge von mindestens 16Grad ersetzt die neigbare Tischplatte. Bei zu hohen Stühlen können Kinder ihre Füße auf einer Fußbank abstützen. 

- Flexible Untersatze  wie Sitz-Bälle, Pendelhocker oder Wippstühle regen zu abwechslungsreichem Sitzen an. Feststehende Kniestütz-Stühle fördern zwar eine aufrecht Sitzhaltung verlagern die Belastung allerdings auf Knie und Unterschenkel. Bewegliche Kniestütz-Stühle auf Schaukelkufen haben diese Nachteile nicht. 

- Deutsche Klassenräume sind in der Regel mit nicht verstellbaren Stühlen und Tischen möbliert. Es gibt sie der DIN-Norm gemäß in fünf verschiedenen Größen. Unterschiedliche Proportionen gleich großer Kinder werden sie allerdings nicht gerecht.

- Schulmöbelhersteller haben mittlerweile auch verstellbare Möbel im Programm. Vielleicht können Sie über die Elternvertretung auf die Anschaffung von neuem Mobiliar Einfluß nehmen. Sinnvoll ist es, einen ergonomischen  Berater hinzuzuziehen. 

- Ermuntern Sie Ihre Kinder, wechselnde Sitzpositionen einzunehmen. Das tut nicht nur dem Rücken gut, sondern entspannt und fördert die Konzentration. Anregungen finden Sie in: Hans- Dieter Kempf und JürgenFischer, Rückenschule für Kinder. H altungsschwächen korrigieren- Haltungsschäden vorbeugen. Hamburg 1993/96,12,90DM.

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