Wie führt man zielgerichtete Bewegungen aus?
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Eine Arbeitsgruppe von Psychologen unter der Leitung von Prof. Dr. Katja Fiehler hat untersucht, wie Sehende, von Geburt an Blinde und spät Erblindete jeweils diese Aufgaben lösen. Die Ergebnisse der Studie wurden jetzt in der renommierten Fachzeitschrift Journal of Neuroscience publiziert.
Weitere Fragen der Studie waren folgende: In welchem räumlichen Referenzsystem werden Zielobjekte repräsentiert, die dem Sehsinn nicht zugänglich sind, wie zum Beispiel Tastinformationen (taktil) oder Informationen über die Stellung von Gelenken im Raum (propriozeptiv)? Und wie hängt die Nutzung eines blickzentrierten Referenzsystems von visuellen Erfahrungen während der Ontogenese ab? Um diese Fragen zu beantworten, untersuchten die Psychologen sehende, geburtsblinde und späterblindete Erwachsene.
Die Aufgabe der Probanden war es, so genau wie möglich auf die erinnerte Position ihres linken Daumens (propriozeptiver Zielreiz) zu zeigen, der mit Hilfe eines Bewegungsapparates passiv auf verschiedene Zielpositionen bewegt wurde. Um zu überprüfen, ob diese propriozeptiven Zielreize in einem blickzentrierten Referenzsystem repräsentiert werden, baten die Wissenschaftler die Probanden, vor dem Beginn der Zeigebewegung ihren Blick nach links oder rechts auszurichten, indem sie den Kopf auf verschiedene Positionen drehten. Dabei wurden systematische Zeigefehler beobachtetet, die mit der Blickrichtung variierten, was auf eine blickzentrierte Kodierung des Zielreizes hinweist. Solch eine blickzentrierte Repräsentation zeigte sich jedoch nur bei sehenden und bei späterblindeten Probanden, nicht aber bei den Probanden, die von Geburt an blind waren.
Diese Ergebnisse sprechen dafür, dass Zielobjekte unabhängig von der Sinnesmodalität, in welcher sie wahrgenommen werden, in Bezug zur Blickrichtung räumlich repräsentiert werden und dies die Grundlage für die Planung der Bewegungen bildet. Dieser Mechanismus scheint sich aufgrund früher Seherfahrungen herauszubilden und selbst dann noch wirksam zu sein, wenn der Sehsinn ausfällt. Geburtsblinde, die nie Seherfahrung hatten, nutzen hingegen andere räumliche Bezugssysteme, die von der Blickrichtung unabhängig sind.
Publikation:
Johanna Reuschel, Frank Rösler, Denise Y. P. Henriques, and Katja Fiehler: Spatial Updating Depends on Gaze Direction Even after Loss of Vision, in: The Journal of Neuroscience, February 15, 2012 32(7), 2422–2429
Abstract
Direction of gaze (eye angle + head angle) has been shown to be important for representing space for action, implying a crucial role of vision for spatial updating. However, blind people have no access to vision yet are able to perform goal-directed actions successfully. Here, we investigated the role of visual experience for localizing and updating targets as a function of intervening gaze shifts in humans. People who differed in visual experience (late blind, congenitally blind, or sighted) were briefly presented with a proprioceptive reach target while facing it. Before they reached to the target's remembered location, they turned their head toward an eccentric direction that also induced corresponding eye movements in sighted and late blind individuals. We found that reaching errors varied systematically as a function of shift in gaze direction only in participants with early visual experience (sighted and late blind). In the late blind, this effect was solely present in people with moveable eyes but not in people with at least one glass eye. Our results suggest that the effect of gaze shifts on spatial updating develops on the basis of visual experience early in life and remains even after loss of vision as long as feedback from the eyes and head is available.
Prof. Dr. Katja Fiehler
Justus-Liebig-Universität Gießen
Fachbereich Psychologie und Sportwissenschaft
Heisenberg-Professur für Allgemeine Psychologie, Wahrnehmung & Handlung
Otto-Behaghel-Str. 10F
35394 Gießen
Email: katja.fiehler@psychol.uni-giessen.de





