Evidenz für Training und Übungen bei LBP
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http://www.physios.ch/P_evidence_f%C3%BCr_%C3%BCbungen_und_trainin.html
(Zugriff 10.04.2008)
Evidence für Übungen und Training bei lumbalem Rückenschmerz (LBP)
Luomajoki HA (2002): Was ist die Evidenz für Training und Übungen bei LBP. Manuelle Therapie. 1/2002
H. Luomajoki, PT, MMPA, OMT SVOMPÒ
Hannu Luomajoki
Physiotherapie Reinach
Hauptstr. 60
CH-5734 Reinach
Georg Thieme Verlag
Originalarbeit
Zusammenfassung: Übungen stellen möglicherweise die häufigste physiotherapeutische Maßnahme zur Behandlung des lumbalen Rückenschmerzes dar. Die meisten der benutzten Methoden sind jedoch nicht Evidence based, und die Qualität der Forschung zu diesem Thema ist gering.
Evidence based medicine (EBM) ist in den letzten Jahren immer populärer geworden. Dieser Beitrag stellt eine Metaanalyse veröffentlichter Reviews sowie randomisierter kontrollierter Studien (RCT) zur Wirkung von Training und Übungen bei lumbalen Rückenschmerzen dar.
Schlüsselwörter: Evidence based Medicine -- lumbale Rückenschmerzen -- Training -- Übungen
Keywords: Evidence based medicine -- low back pain -- training -- exercise
Einleitung
Epidemiologische Studien zeigen, dass nonspezifischer Rückenschmerz (NSLBP) eine 60--80%-ige Prävalenz aufweist, d.h. Rückenschmerz ist fast allgegenwärtig. Trotz größeren Wissens, Spezialisierung und guten Ressourcen für spinale Pathologien im Gesundheitssystem nimmt in den westlichen Gesellschaften die Invalidität durch chronischen Rückenschmerz exponential zu (Waddell 1987 u. 1996).
Obwohl genaue Statistiken fehlen, ist Physiotherapie wohl die am häufigsten angewendete Therapie bei Rückenproblemen. Physiotherapeuten benutzen oft Übungen, entweder alleine oder in Kombination mit anderen Anwendungen, wie z.B. Thermotherapie, Weichteiltechniken oder Manuelle Therapie. Trotz ihrer Beliebtheit bleibt jedoch die Effektivität oft fragwürdig (Koes et al. 1991).
Als Ursache für Rückenschmerz kommen folgende Risikofaktoren infrage (Hilde u. Bo 1998):
- Muskelinaktivität oder Immobilisation;
- Abgeschwächte Muskelkraft und Ausdauer in Rumpf- und Beinmuskulatur;
- Schwache Kondition;
- Hypermobilität der Wirbelsäule;
- Hypomobilität der Hüften;
- Osteoporose;
- Psychische Faktoren.
Hinsichtlich Übungen und Training zur Behandlung von Rückenschmerzen bestehen unterschiedliche Ansichten. Ob die jeweilige Meinung effektiv ist, kann wissenschaftlich nur in einem randomisiert kontrollierten Versuch (RCT) festgestellt werden (Koes et al. 1991).
In der Hierarchie der Evidence ist die Expert opinion auf dem untersten Niveau angesiedelt. Im Gegensatz dazu werden RCT als der beste Beweis betrachtet. Da die RCT im Allgemeinen als Paradigma der Interventionsforschung gelten, kommen sie meistens zum Einsatz, wenn verschiedene Behandlungsansätze untersucht werden (van Tulder et al. 1997a). Handelt es sich bei einer wissenschaftlichen Studie um eine RCT, bedeutet dies jedoch nicht, dass ihre Schlussfolgerungen reliabel sind. Tatsächlich ist die Qualität der RCT bezüglich Rückenschmerz und Training schlecht, und die Aussagen korrelieren mit der Qualität (Koes et al. 1991 u. 995).
Eine physiotherapeutische Methode kann Evidence based genannt werden, wenn die Qualität der Studie gut ist, und die Ergebnisse für die Anwendung sprechen. Die Qualität einer RCT lässt sich anhand einer Bewertungsskala beurteilten (z.B. Cochrane Collaboration, Physiotherapy Evidence Database [PEDro] im Internet).
Zu Rückenschmerz und Training wurden bereits einige kritische Reviews veröffentlicht (z.B. Koes et al. 1991, Faas 1996, van Tulder et al. 1997 u. 2000, Hilde u. Bo 1999), die alle die RCT anhand einer Skala von 0--100 bewerten. Die Qualität einer RCT ist gut, wenn sie über 50% der Punkte erzielte. Ohne nummerische Bewertung publizierte Reviews sind qualitativ schlecht (z.B. Maher et al. 1999, Nordin u. Campello 1999).
Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Evidence zu Rückenschmerz und Übungen, Training oder Aktivierung zu sammeln und zusammenzustellen. Die nach 1995 veröffentlichten und noch nicht an anderer Stelle bewerteten werden ebenso wie die früher publizierten RCT kritisch beurteilt. Nicht nur die interne Validität der Studien, sondern auch die angewendeten Übungen werden diskutiert und das Niveau der Evidence determiniert.
Die Arbeit umfasst folgende Fragen:
- Wie ist die Evidence für Übungen in den verschiedenen Phasen der Rückenschmerzen?
- Wie ist die Qualität der veröffentlichten Studien zu bewerten?
- Wie hoch ist die Korrelation zwischen 2 verschiedenen Bewertungsskalen (PEDro und Koes-Skala)?
- Welche Übungen wurden bei den Studien angewendet?
Methoden
Die nach den Richtlinien der Cochrane Collaboration (CC) Rücken Review Gruppe für spinale Leiden (van Tulder et al. 1999) adaptierte Suche wurde in den Databases von MEDLINE und CINAHL vorgenommen. Die Suchwörter sind in Tabelle 1 aufgeführt.
Hier Tab. 1
Tabelle 1 Suchstrategie für die CINAHL- und MEDLINE-Databases (RCT 1990--2001; adaptiert nach der Cochrane Collaboration Back Review Group, aus: van Tulder et al. Method guidelines for systematic reviews in the Cochrane Collaboration back review group for spinal disorders. Spine. 1997;20:2323-2330)
|
Nr. |
Suchwörter |
|
1. |
#1 randomized controlled trials |
|
2. |
#2 controlled clinical trial |
|
3. |
#3 random allocation |
|
4. |
#4 double blind method |
|
5. |
#5 single blind method |
|
6. |
#6 #1 or #2 or #3 or #4 or #5 |
|
7. |
#7 animal not (animal and human) |
|
8. |
#8 #6 not #7 |
|
9. |
#9 clinical trial* |
|
10. |
#10 placebo |
|
11. |
#11 random* |
|
12. |
#12 research design |
|
13. |
#13 volunteer* |
|
14. |
#14 #9 or #10 or #11 or #12 or #13 |
|
15. |
#15 #14 not #7 |
|
16. |
#16 #15 not #8 |
|
17. |
#17 #8 or #16 |
|
18. |
#18 back |
|
19. |
#19 back pain |
|
20. |
#20 low back pain |
|
21. |
#21 #18 or #19 or #20 |
|
22. |
#22 exercise therapy |
|
23. |
#23 exercise* |
|
24. |
#24 #22 or #23 |
|
25. |
#25 #21 and #24 |
|
26. |
#25 #21 and #24 |
|
27. |
#26 #17 and #25 |
Bei den CC- und PEDro-Databases waren die Suchwörter Back pain und Exercise.
Einschlusskriterien
Ausschlusskriterien
Tabelle 2 Stufen der Evidence (aus: van Tulder et al. Conservative treatment of acute and chronic nonspecific low back pain. Spine. 1997;18:2128--2156)
|
Stufe der Evidence |
Quantität/Qualität |
|
starke Evidence |
mehrere relevante RCT von hoher Qualität |
|
mittlere Evidence |
1 relevante RCT von hoher Qualität RCT + 1 oder mehrere RCT von geringer Qualität |
|
begrenzte Evidence |
nur 1 relevante RCT von hoher Qualität oder mehrere RCT von geringer Qualität |
|
keine Evidence |
nur 1 relevante RCT von schlechter Qualität oder keine relevante RCT oder mit gegensätzlichen Aussagen |
Methodologische Qualität der Studien und der Bewertungsskalen
Zur Bewertung der methodologischen Qualität der Studien wurden verschiedene Skalen benutzt. Für die Reviews wurde eine neue, nach Crombie (1998) und van Tulder (1997) adaptierte nummerische Skala entwickelt, die hier zum 1. Mal angewendet wurde.
Für die RCT kamen 2 verschiedene Skalen zum Einsatz, weil die zuerst benutzte neue PEDro Skala (0--11 Punkte) bessere Resultate zeigte als in den früheren Reviews festgestellt worden war. Daher war keine Aussage darüber möglich, ob das Niveau gestiegen oder die besseren Ergebnisse infolge von Skalenverzerrung zustande kamen. Aus diesem Grund wurden die Studien auch mittels der von Koes et al. (1991) und Faas (1996) angewendeten Skala (0--100 Punkte)verglichen.
Ergebnisse
Die Studie wurde zum 1. Mal im August
1999 durchgeführt; ein Update folgte im Juli 2001. Die Suche zeigt folgende Resultate (Tab. 3 u. 4):Tabelle 3 Frühere Reviews
|
Autoren |
Jahr |
Land |
Hintergrund |
RCT ges. |
Zeitraum |
Andere Maßnahmen |
Patientgruppen |
Bewertung/Qualität |
Gute Qualität |
|
|
1. |
Faas |
1996 |
NL |
MD, PhD |
11 |
1991--95 |
nein |
- akut |
ja; 0--100 |
5 von 11 RCT |
|
2. |
Hilde u. Bo |
1998 |
NOR |
PT |
9 |
1966--90 |
nein |
chronisch |
ja; 0--103 |
3 von 9 |
|
3. |
Koes et al. |
1991 |
NL |
MA, PhD, Epid. |
16 |
1966--90 |
nein |
- akut |
ja; 0--100 |
4 von 16 |
|
4. |
Maher et al. |
1999 |
AUS |
PT, PhD |
62 |
1966--97 |
Übungen oder Aktivität |
- akut |
nein |
|
|
5. |
Nordin u. Campello |
1999 |
USA |
PT, DrSci |
16 |
1987--97 |
Übungen und Anwendungen |
- akut |
nein |
|
|
6. |
Protas |
1996 |
USA |
PT |
25 |
1977--93 |
Aerobic |
chronisch |
nein |
|
|
7. |
van Poppel et al. |
1997 |
NL |
Epid. |
11, 3 davon an Übungen |
1966--96 |
- Übungen |
Prävention |
ja; valide 0--7 bzw. 0--100 |
0 von 3 |
|
8. |
Scheer et al. |
1997 |
USA |
MD |
9 |
1975--93 |
kognitiv-behavioraleTher/Übungen |
- subakut |
ja; 0--26 |
5 von 9 |
|
9. |
Scheer et al. |
1995 |
USA |
MD |
4 |
1975--93 |
- Übungen |
akut |
ja; 0--26 |
4 von 4 |
|
10. |
van Tulder et al. |
1997 |
NL |
PhD, Epid. |
> 100, davon 26 an Übungen |
1966--95 |
versch. konservative Therapien |
- akut |
ja; 0--100 |
5 von 26 |
|
11. |
van Tulder et al. |
2000 |
NL |
PhD, Epid. |
39 |
1966--99 |
- Übungen |
- akut |
ja; 0--9 |
16 von 39 |
Hier Tab. 4
Tabelle 4 RCT in früheren Reviews
|
Autor |
Jahr |
Patienten |
Ergebnis |
Qualität |
|
Bergquist u. Larsson |
1977 |
akut |
positiv |
schlecht |
|
Nwuga u. Nwuga |
1985 |
akut |
positiv |
schlecht |
|
Stankovic u. Johnell |
1990 |
akut |
positiv |
gut |
|
Delitto et al. |
1993 |
akut |
positiv |
schlecht |
|
Stankovic u. Johnell |
1995 |
akut |
positiv |
schlecht |
|
Davies et al. |
1979 |
akut |
negativ |
schlecht |
|
Nwuga |
1982 |
akut |
negativ |
schlecht |
|
Farrell u. Twomey |
1982 |
akut |
negativ |
schlecht |
|
Waterworth u. Hunter |
1985 |
akut |
negativ |
gut |
|
Evans et al. |
1987 |
akut |
negativ |
gut |
|
Faas et al. |
1993 |
akut |
negativ |
gut |
|
Malmivaara et al. |
1995 |
akut |
negativ |
gut |
|
Kendall u. Jenkins |
1968 |
chronisch |
positiv |
schlecht |
|
Lidström u. Zachrisson |
1970 |
chronisch |
positiv |
schlecht |
|
Manniche et al. |
1988 |
chronisch |
positiv |
gut |
|
Deyo et al. |
1990 |
chronisch |
positiv |
gut |
|
Lindström et al. |
1992 |
chronisch |
positiv |
gut |
|
Hansen et al. |
1993 |
chronisch |
positiv |
gut |
|
Risch et al. |
1993 |
chronisch |
positiv |
schlecht |
|
Timm |
1994 |
chronisch |
positiv |
schlecht |
|
Frost et al. |
1995 |
chronisch |
positiv |
schlecht |
|
White |
1966 |
chronisch |
negativ |
schlecht |
|
Martin et al. |
1980 |
chronisch |
negativ |
schlecht |
|
Buswell |
1982 |
chronisch |
negativ |
schlecht |
|
Turner et al. |
1990 |
chronisch |
negativ |
schlecht |
|
Elnaggar et al. |
1991 |
chronisch |
negativ |
schlecht |
|
Manniche et al. |
1993 |
chronisch |
negativ |
gut |
|
Sachs et al. |
1994 |
chronisch |
negativ |
schlecht |
|
Johanssen et al. |
1995 |
chronisch |
negativ |
schlecht |
|
Aberg |
1982 |
chronisch |
unklar |
schlecht |
|
Spratt |
1993 |
chronisch |
unklar |
schlecht |
|
Coxhead et al. |
1981 |
Ischias |
negativ |
gut |
|
Zylbergold u. Piper |
1981 |
lumbale Bandscheibe |
negativ |
schlecht |
|
Donchin et al. |
1990 |
Prävention |
positiv |
schlecht |
|
Kellet et al. |
1991 |
Prävention |
positiv |
gut |
|
Gundewall et al. |
1993 |
Prävention |
positiv |
schlecht |
Frühere Reviews
Es wurden 11 nach 1990 publizierte Review-Artikel gefunden, von denen bei 8 eine Bewertungsskala benutzt wurde. Bei 3 weiteren Reviews kam keine nummerische Bewertung zum Einsatz, sodass die Aussagekraft minimal ist.
Die meisten gefundenen Reviews stellten eine schlechte Qualität der Studien sowie eine geringe Evidence für Training/Übungen bei Rückenschmerzen fest. Die früheren Studien umfassten insgesamt 36 RCT, von denen 12 mit guter Qualität (mindestens 1 Bewertung über 50% der Maximalpunktzahl) abschnitten (Tab. 5).
Hier Tab. 5
Tabelle 5 Studien mit guter Qualität in früheren Reviews (mehr als 50% der Punkte in mind. 1 Review; ADL = Activities of daily living; ZZA = zurück zur Arbeit; SLR = Straight leg raise; NSAID = Non-steroidale antiinflammatorische Medikamente)
|
Autoren |
Jahr |
Patienten |
Maßnahmen |
Ergebnis |
|
Stankovic u. Johnell |
1990 |
- akut |
1. McKenzie-Extension + Instruktionen: n = 47 |
positiv: - weniger Rezidive - bessere Bewegung |
|
Faas et al. |
1993 |
- akut |
1. Normales Prozedere: n = 155 |
negativ: - Übungen bei akuten Schmerzen nicht nützlich |
|
Evans et al. |
1987 |
- akut |
1. Flex.-Übungen 20 Min./Tag über 2 Mon. + Instruktionen: n = 65 |
negativ: - kein Unterschied bei Schmerz, ADL, Bewegung, SLR |
|
Malmivaara et al. |
1995 |
- akut |
1. 2 Tage Bettruhe: n = 67 |
negativ: - Bewegung nicht nützlich |
|
Waterworth u. Hunter |
1985 |
- akut |
1. NSAID: n = 36 |
negativ: - Gruppe 2 u. 3 zeigen keine Unterschiede |
|
Deyo et al. |
1990 |
- chronisch |
1. Stretching + TENS: n = 34 |
positiv: Übungsgruppe hat bessere Schmerzreduktion |
|
Hansen et al. |
1993 |
- chronisch |
1. 4 Wo. lang 8-mal je 1 Std. dynamische Rückenüb.: n = 56 |
positiv: - Männer besser bei Maßnahme 2 - Gruppe 1 u. 2 besser als 3 |
|
Manniche et al. |
1988 |
- chronisch |
1. 3 Mon. lang 30-mal Wärme + Massage + isometr. Üb.: n = 35 |
positiv: - weniger behindert |
|
Manniche et al. |
1993 |
- postoperative Bandscheibenpatienten |
1. 3 Mon. lang 2-mal/Wo. intensive Ext.-Üb. d. Rückens: n = 26 |
positiv: - signifikant weniger Schmerz - bessere isometrische Kraft - Bewegung besser in Gruppe 2 |
|
Lindström et al. |
1992 |
- subakut |
1.Training, Rückenschule, kognitive Behavioral-programm: n = 49 |
positiv: - Bewegung und Kraft in Gruppe 1 signifikant besser |
|
Coxhead et al. |
1981 |
- Ischias |
1. Übungen, Traktion, Manipulation: n = 150 |
negativ: keine signifikanten Unterschiede |
|
Kellet et al. |
1991 |
- Prävention |
1. 30 min/Wo Übungen + Heimprogramm 1,5 J. lang n = 58 |
positiv: - in Gruppe 2 Krankentage zu 65% erhöht |
Methodologische Qualität der RCT von 1995--2001
Insgesamt wurden 26 von 1995--2001 veröffentlichte RCT gefunden, die den Einschlusskriterien entsprachen (Tab. 6).
Hier Tab. 6
Tabelle 6 RCT von 1995--2001 (ADL = Activities of daily living; ZZA = zurück zur Arbeit; FABQ=Fear avoidance beliefs questionnaire; pos./neg./neutr. = Ergebnis bzgl. Training)
|
Autoren |
Jahr |
Land |
Population |
Zeit/Follow-up |
Gruppen |
Ergebnis |
|
Bendix et al., MD |
1996 |
DK |
- chronisch |
- 3 Wo. |
1. 3 Wo. lang intensives Programm (39 Std./Wo.) |
positiv: - ZZA: 64% (Intensivprogr.); 28% (Kontrollgr.) - Kontakte: 1,6; 5,3 - Schmerz: 5,7; 6,9 - Behinderung: 12,1; 16,8 - Ausdauer: 38 s; 13 s |
|
Bendix et al., MD |
1997 |
DK |
- chronisch |
- 6 Wo. |
1. 3 Wo. lang intensives Programm (39 Std./Wo.) + 3 Wo. lang 1 Tg./Wo. |
positiv: - Kontrollgr.: 4,5; 11,8; 12,0 - Krankentage: 52; 100; 295 - Schmerz: 3,3; 5,3; 6,5 - Behinderung: 8,9; 13,7; 16,4 |
|
Bendix et al., MD |
2000 |
DK |
- chronisch |
- 6 Wo. |
1. 3 Wo. lang funkt. Rehabilitation (39 Std./Wo.) + 3 Tge. |
positiv: - AF: 28 auf 36; 21 auf 51 - Schmerz: keine signifil. Unterschiede |
|
Bentsen et al., MD |
1997 |
S |
- n = 74 |
- 3 bzw. 12 Mon. |
1. 3 Mon. lang Fitnessprogr. (2x 0,5Std./Wo.) + 9 Mon. lang Heimprogr. |
neutral: - Krankentage: keine signifik. Änderung - Funktion: keine Änderung - Kontakte: nach 12 Mon. 26%, 3 J. 39% (beide Gruppen) |
|
Bronfort et al., D.C. |
1996 |
USA |
- n = 174 |
- 5 bzw. 11 Wo. |
1. 9 Wo. lang SMT + Kraft (2x 1 Std./Wo. Rumpfmuskulatur) |
neutral: - Behinderung: Reduktion von 33 auf 17 - Kraftgruppe: 1 + 32--141% - Krankentage: nach 1 J. keine Untershciede |
|
Danielsen et al., PT |
2000 |
NOR |
- postoperativ |
- 8 Wo. |
1. 8 Wo. lang (3x 1 Std.) intensives Krafttraining |
neutral: - sonst keine signifik. Unterschiede |
|
Dettori et al., PT |
1995 |
USA* |
- akut |
- 1--8 Wo. |
1. Flex.-Übungen + Haltung |
neutral: - keine signifik. Unterschiede zw. den Übungsgr.Gruppen - nach 8 Wo. Gr. 1 u. 2 besser als Kontrollgr. |
|
Friedrich et al., MD |
1998 |
AUT |
- chronisch |
- 4 Wo. |
1. 10x Übungen (je 25 Min. lang 2--3x/Wo.) |
neutral: - nach 12 Mon. zeigt Motivationsgr. weniger Schmerz u. Behinderung - ZZA u. Bewegung: keine Unterschiede |
|
Frost et al., PT |
1998 |
UK |
- chrosisch |
- 4 Wo. |
1. 8x Fitness + Rückenschule |
positiv: - Behinderung: Gr. 1 nach 2 J. 7,7% besser; Gr. 2 nach 2 J. 2,4% besser |
|
Hagen et al., MD |
2000 |
NOR |
- subakut |
- 1 Besuch |
1. 1 Besuch: Untersuchung, Information, Aktivität |
positiv: ZZA:- nach 3 Mon.: 51%, 35% - nach 6 Mon.: 61%, 41% - nach 12 Mon.: 68%, 56% |
|
Hides et al., PT, PhD |
1996 |
AUS |
akut |
- 4 Wo. |
1. Spez. Stabilisation + Ausbildung des M. multifidus |
neutral: - Größe des M. multufidus in Gruppe 1 signifik. besser |
|
Hides et al., PT, PhD |
2001 |
AUS |
akut |
Follow-up: 1 u. 3 J. |
wie 1996 |
positiv: - Rezidive nach 12 Mon.: 2,8; 4,2 - Rezidive nach 3 J.: 4,6; 5 - Kontakte nach 12 Mon.: 15%; 42% - Kontakte nach 3 J.: 20%; 25% |
|
Indahl et al., MD |
1995 |
NOR |
- subakut-chronisch |
- 3 Besuche |
1. Erklärung, Empfehlung zu Aktivität |
positiv: ZZA nach nach 200 Tge:- 70% in Gr. 1 - 40% in Kontrollgr. |
|
Indahl et al., MD |
1998 |
NOR |
- subakut-chronisch |
Follow-up: 5 J. |
wie 1995 |
positiv: - Krankentage nach 5 J.: 9%; 34% - weniger Rezidive in Gr. 1 |
|
Kankaanpää et al., MD |
1999 |
FIN |
- chronisch |
- 12 Wo. |
1. 12 Wo. lang aktive Rehabilitation (2x 1,5 Std./Wo.) |
positiv: nach 6 Mon. Schmerz, Behinderung, Kraft u. Ausdauer d. Rückenmusklen signifik. besser |
|
Klaber Moffatt, PT |
1999 |
UK |
- subakut-chronisch |
- 4 Wo. |
1. 4 Wo. lang Fitness (2x 1 Std./Wo.) + kognitiv-behaviorale Therapie |
positiv: - nach 1 J. Schmerz u. Behinderung besser - Krankentage: 378, 607 - geringe Besserung in Gr. 2 |
|
Kuukkanen u. Mälkia, PT |
1996 |
FIN |
- chronisch |
- 3 Mon. |
1. 3 Mon. lang MTT (2x/Wo.) + Heimprogr. |
positiv: - Kraft u. Ausdauer: signifik. besser in Gr. 1 - Schmerz u. Behinderung: signifik. geringer in Gr. 1 u. 2 |
|
Ljunggren et al., PT |
1997 |
NOR |
- LBP |
- 12 Mon. |
1. TerapiMaster u -Übungen (1 J. lang Heimprogr.) |
neutral: - Krankentage: in beiden Gr. Reduktion von 75--80% - Zufriedenheit der Pat.: in beiden Gr. sehr hoch |
|
Lönn et al., PT |
1999 |
NOR |
- sekundär-präventiv |
- 13 Wo. |
1. aktive Rückenschule (2x 1 Std./Wo.) |
positiv: - Krankentage: geringer u. kürzer - Schmerz: weniger - Funktion: in Gr. 1 besser |
|
Mannion et al., PhD |
1999 |
CH |
- chronisch |
- 3 Mon. |
|
neutral: - ADL, FABQ, Bewegung, Kraft: in allen Gr. signifik. besser - keine signifik. Unterschiede zw. den Gr. / Kosten 960/1120/288 Sfr Aerobic am billigsten |
|
Möller et al., MD |
2000 |
S |
- Spondylolisthesis |
- 1 J. |
1. Operation: spinale Fusion (77 Pat.) |
negativ: - Schmerz u. Behinderung: nach 2 J. weniger in Gr. 1 - Follow-up |
|
McIlveen u. Robertson; PT |
1998 |
AUS |
- chronisch |
4 Wo. |
1. Hydrotherapiegruppe (2x/Wo.) |
positiv: - Funktion: signifik. Besser in Gr. 1 - Schmerz u. Behinderung: geringer |
|
O'Sullivan et al., PT |
1997 |
AUS |
- Spondylolisthesis |
- 10 Wo. |
1. 10 Wo. lang spez. Stabilisationsprogr. |
positiv: - Bewegung: besser - Schmerz: Reduktion von 59 auf 26 |
|
Soukup et al., PT |
1999 |
NOR |
- sekundär-präventiv |
- 13 Wo. |
1. Mensendieck-Übungsgruppe (20x 1 Std., 2x/Wo.) |
positiv: - Rezidive: 32%; 57% - Krankentage: 299; 416 - Schmerz: signifik. weniger in beiden Gr. - sonst keine signifik. Unterschiede |
|
Snook et al.. PT, PhD |
1998 |
USA |
- NSLBP |
6 Mon. |
1. Vermeidung von Fles. frühmorgens |
positiv: in Gr. 1 signifik. Verbesserung bei Schmerz, Behinderung, Schädigungen, Medikamenteneinnahme |
|
Torstensen et al., PT |
1998 |
NOR |
- chronisch |
- 12 Wo. |
1. MTT (36x) |
positiv: - Schmerz, Behinderung, Zufriedenheit d. Pat.: signifik. Verbesserung in Gr. 1 u. 2 - Kostenersparnis: US$ 120.000--250.000 |
Die Bewertung der RCT ergab ein anderes Bild als bei den früheren Reviews (Tab. 7). Koes et al. (1991) fanden nur 4 von 16 RCT (25%) mit guter Qualität, bei Faas (1996) waren es 5 von 11 (45%). Von den 1995--1999 veröffentlichten RCT erreichten 9 von 12 Studien (64%) mehr als 50% der Maximalpunktzahl und können so als qualitativ gut bezeichnet werden. Alle 12 nach 1999 veröffentlichten Studien (100%) erreichten auf mindestens einer der beiden Skalen über 50% der Maximalpunktzahl.
Hier Tab. 7
Tabelle 7a Bewertung der RCT Pearsons Korrelationskoeffizient = 0,71)
|
Autor |
Jahr |
Summe |
||
|
PEDro (max. 11) |
Koes (max. 100) |
|||
|
Bronfort et al. |
1996 |
8 |
79 |
|
|
Danielsen et al. |
2000 |
9 |
62 |
|
|
Torstensen et al. |
1998 |
7 |
65 |
|
|
Hides et al. |
2001 |
8 |
65 |
|
|
Klaber-Moffett et al. |
1999 |
8 |
65 |
|
|
Bendix et al. |
1996 |
6 |
61 |
|
|
Indahl et al. |
1998 |
8 |
59 |
|
|
Frost et al. |
1998 |
8 |
58 |
|
|
Friedrich et al. |
1998 |
7 |
57 |
|
|
Indahl et al. |
1995 |
8 |
57 |
|
|
Hides et al. |
1996 |
8 |
60 |
|
|
O'Sullivan et al. |
1998 |
7 |
57 |
|
|
Mannion et al. |
1999 |
6 |
56 |
|
|
Möller et al. |
2000 |
7 |
52 |
|
|
Bendix et al. |
2000 |
6 |
60 |
|
|
Dettori et al. |
1995 |
6 |
56 |
|
|
Hagen et al. |
2000 |
6 |
54 |
|
|
Bendix et al. |
1997 |
6 |
55 |
|
|
Kankaanpää et al. |
1999 |
6 |
47 |
|
|
Lönn et al. |
1999 |
6 |
46 |
|
|
Soukup et al. |
1999 |
6 |
40 |
|
|
McIlveen u. Robertson |
1998 |
5 |
49 |
|
|
Snook et al. |
1998 |
5 |
48 |
|
|
Ljunggren et al. |
1997 |
6 |
47 |
|
|
Kuukkanen u. Mälkiä |
1996 |
5 |
45 |
|
|
Bentsen et al. |
1997 |
6 |
42 |
|
Tafel 7 b. Vergleich der Skalen geplottet

Tafel 8. Die Entwicklung der Anzahl (blau) und Qualität (violett) der Studien

Verschiedene Phasen des Rückenschmerzes und deren Maßnahmen
Im Folgenden werden die Ergebnisse nach den Schmerzphasen und dem Übungstyp eingeordnet. Dabei ist zu beachten, dass die Resultate der bewerteten Reviews jeweils übernommen wurden. Hatten die Autoren eines Reviews die RCT als qualitativ gut bewertet, wurde dies auch so akzeptiert.
Nonspezifischer lumbaler Rückenschmerz (NSLBP)
Akut
Es besteht eine starke Evidence, dass gemischte, unspezifische und nicht individuell angepasste Übungsprogramme bei akuten Rückenschmerzen keine besseren Wirkungen als Medikamente oder Ruhe erzielen (Nwuga 1982, Waterworth u. Hunter 1985, Faas et al. 1993, Malmivaara et al. 1993, Bergquist u. Larsson 1977). Außerdem sind Flexionsübungen nach Williams oder Kendall bei akutem Rückenschmerz unwirksam (Farrell u. Twomey 1982, Nwuga u. Nwuga 1985, Evans et al. 1987, Delitto et al. 1993, Dettori et al. 1995).
Eingeschränkte bis mittlere Evidence
findet sich für McKenzies Extensionsübungen bei akutem lumbalen Rückenschmerz (Nwuga u. Nwuga 1985, Stankovic u. Johnell 1990 u. 1995, Delitto et al. 1993, Snook et al. 1998), weil es auch widersprüchliche Ergebnisse gibt (Davies et al. 1979, Dettori et al. 1995).Chronisch
Eine starke Evidence besteht für intensives Training bei chronischem Rückenschmerz. Dieses sollte ein mindestens 3 Wochen dauerndes stationäres Ganztagesprogramm mit Krafttraining, Stretching, Rückenschule und Work hardening (Bendix et al. 1996, 1997 u. 2000) oder mindestens 4 Wochen lang 2-mal wöchentlich 1 Stunde Öfeldt-Übungen (Trunk lift prone, leg lift prone, pull down) für die Rückenmuskulatur beinhalten (Manniche 1988, Hansen et al. 1993).
Gleich gute Resultate lassen sich mit einer über 4 Monate 3-mal wöchentlich 1 Stunde stattfindenden MTT-Gruppe (Kuukkanen u. Mälkiä 1996, Torstensen et al. 1998) oder 12 Wochen 2-mal wöchentlichem Krafttraining an Geräten (Kankaanpää et al. 1999) erzielen.
Mannion et al. (1999) fanden, das Training an Geräten und Aerobic in einer Gruppe von 10 Personen sei von der Wirkung her ebenso wirksam wie 2-mal wöchentlich jeweils 30 Minuten durchgeführte moderne individuelle Physiotherapie.
Alle Gruppen zeigten eine signifikante Verbesserung, wobei Aerobic jedoch die billigste Methode war.
Mittlere Evidence
fand sich für unspezifische Fitnessübungprogramme, 8--10-mal 1 Monat lang (Risch et al. 1993, Timm 1994, Friedrich et al. 1998, Frost et al. 1998) oder für extensive Heimübungsprogramme über mehrere Monate (Bentsen et al. 1997, Ljunggren et al. 1997). Auch Hydrotherapie wirkt positiv bei chronischem Rückenschmerz (McIlveen u. Robertson 1998).Dagegen fand sich keine Evidence für eine Besserung durch isolierte Flexions- oder Extensionsprogramme oder milde isometrische Rumpfübungen bei chronischen Rückenschmerzen (White 1966, Buswell 1982, Elnaggar et al. 1991, Spratt 1993).
Subakut
Starke Evidence
zeigt eine kognitiv-behaviorale Annäherungsweise, gekoppelt mit Übungen oder Aktivierung in der subakuten Phase des Rückenschmerzes. Die Patienten werden untersucht, die Ursachen ihrer Rückenschmerzen erklärt und Angstvermeidungsstrategien (Fear-avoidance beliefs) positiv beeinflusst. Die Patienten werden motiviert, möglichst aktiv zu bleiben. Sie werden nur 2--3-mal einbestellt (Indahl et al. 1995 u. 1998, Hagen et al. 2000) oder besuchen 4 Wochen lang 2-mal wöchentlich eine Therapiegruppe (Klaber Moffett 1999).Rezidivprophylaxe
Starke Evidence
besteht für die Rückenschule, bei der Übungen mit Erklärungsmodellen kombiniert sind. Diese bewirkte eine Reduktion der Rezidive und eine verkürzte Krankheitsdauer im Falle von lumbalen Rückenschmerzen (Lönn et al. 1999, Soukup et al. 1999).Mittlere Evidence
ergibt sich für spezifische Übungen der Mm. multifidus and transversus abdominis, die eine segmentale Stabilität in der akuten Phase von bei lumbalen Rückenschmerzen bewirken und somit mögliche Rezidive reduzieren (Hides et al. 2001).Prävention
Hier gibt es eine mittlere Evidence, dass regelmäßiges mindestens einmal wöchentliches Gruppentraining eine deutliche Verringerung der Krankheitsdauer bewirkt (Donchin et al. 1990, Kellett et al. 1991, Gundewall 1993).
Spezifischer lumbaler Rückenschmerz (LBP)
Mittlere Evidence
für die positivere Wirkung von spezifischen Stabilisationsprogrammen für die Mm. transversus abdominis und multifidus im Vergleich zur konventionellen Therapie bei Spondylolisthesis und Spondylolyse (O’Sullivan et al. 1997). Operative Eingriffe scheinen effektiver als Übungen zu sein (Möller 2000).Bei akuten Patienten stärkt spezifisches Training den M. multifidus eher als die Standardtherapie (Hides et al. 1996). Im Falle eines postoperativen Diskus haben intensive Kraftübungen keine Nachteile gegenüber milden (Danielsen et al. 2000). Außerdem sind Öfeldt-Übungen -- mit oder ohne Hyperextension -- von Vorteil (Mannische et al. 1993).
Ein gemischtes Physiotherapieprogramm hat bei Ischias keine bessere Wirkung als keine Therapie (Coxhead 1981).
Unklare Evidence
Einige Studien vergleichen ähnliche oder verschiedenen Programme ohne signifikante Ergebnisse, sodass sich unmöglich Aussagen über die Evidence formulieren lassen (Martin et al. 1980; Zylbergold u. Piper 1981, Aberg 1982, Sachs et al. 1994, Johanssen et al. 1995).
Diskussion
Grenzen dieser Studie
Für die Suche nach möglichst vielen relevanten Studien wurde MEDLINE ausgewählt, da sie die größte biomedizinische
Dataenbank ist. Außerdem kam CINAHL zur Anwendung, weil sie die größte Bedeutung im Bereich der Physiotherapie hat.Methodologische Qualität
Ein interessantes Ergebnis war, dass die Qualität der Studien mit der Zeit praktisch exponential anstieg. Während die vor 1991 (Koes et al. ) publizierten Arbeiten nur zu 25% eine gute Qualität aufwiesen, war dies bei denen nach 1999 bei 100% der Fall (
s. Tafel 8.). Dabei ist jedoch zu beachten, dass bereits die Erfüllung von nur 50% der Kriterien für eine gute Bewertung ausreicht.Übungen als therapeutische Maßnahme
Nicht nur die interne Qualität der Studien spielt eine wichtige Rolle, sondern auch die durchgeführten Übungen. In den früheren Studien sind die Übungsschemata sehr unklar oder es werden verschiedene Programme miteinander vergliche, sodass sich keine Aussagen über spezifische Übungen machen lassen.
In vielen neuere Studien wurde die Aussage getroffen, dass die Übungen positive Wirkungen hatten, obwohl dies nicht reliabel ist, da es keine Kontrollgruppen gab.
Manche Autoren lassen die Patienten ausführen, ohne ihnen deren Sinn und Zweck zu erklären. Ziegen die Übungen keine Wirkung, schlussfolgern sie, dass bei Rückenschmerzen Übungen normalerweise keine Verbesserung bringen. Ein typisches Beispiel ist die Studie von Faas (1993): Die Probanden machten 5 Wochen lang 2-mal pro Woche je 20 Minuten unspezifische Gymnastik. Da die Übungen keine Wirkung zeigten, stellte die Autorin fest: Die Patienten erhalten zu viel unbrauchbare und teure Aufmerksamkeit für Beschwerden, die auch spontan heilen, weshalb bei nonspezifischem lumbalen Rückenschmerz gar nicht erst Übungen verordnet werden sollten.
Trotz dieser Aussagen wurde diese Studie als „Krönung" mit dem berühmten Volvo-Award der Zeitschrift Spine als beste klinische Studie des Jahres 1993 ausgezeichnet. Die daraufhin geäußerte Kritik: Es ist unglaublich, wie leicht sich Wissenschaftlichkeit vermeiden lässt, wenn sie durch inkonsequente Daten unterstützt wird (Mooney 1994).
Eindeutige Beweise gibt es für intensives Training bei chronischem Rückenschmerz (Manniche 1988 u. 1993, Hansen 1993). Dies korreliert mit der Trainingsphysiologie, die postuliert, dass strukturelle Veränderungen nur durch ein regelmäßiges 2-mal wöchentliches Training für die Dauer von mindestens 3 Monaten objektivierbar erfolgen können (Richtlinien des American College of Sports Medicine; Kuukkanen u. Mälkiä 1996, Torstensen et al. 1998).
McKenzie-Übungen zeigen aufgrund teilweise gegensätzlicher Befunde nur eine mäßige Evidence. Nwuga u. Nwuga (1985), Stankovic u. Johnell (1990 u. 1995) sowie Delitto et al. (1993) fanden signifikante positive Wirkungen von Flexions- und Extensionsbewegungen bei akuten oder subakuten Rückenschmerzen, während Dettori et al. (1995) und Davies et al. (1979) keinen Unterschied zwischen den beiden Übungsarten fanden. Snook et al. (1998) stellten bei Patienten mit chronisch nonspezifischem lumbalen Rückenschmerz jedoch positive Wirkungen durch das Vermeiden morgendlicher Flexionsbewegungen fest.
Es scheint, dass bei akutem lumbalen Rückenschmerz unspezifische Übungen keinen Erfolg bringen, während dies bei chronischen Patienten der Fall ist. Damit ist Aktivität per se bei chronischem Rückenschmerz wichtig. Diese Erkenntnis wurde in vielen neueren Studien mit Kontrollgruppen ohne spezifische Therapie bestätigt.
Bei subakuten Patienten sind neben der Aktivität auch die korrekte Diagnosenstellung, Erklärungen, Information und Angstabbau von Bedeutung (
vgl. auch Butler 1998, Gifford 1998).Schlussfolgerung
Methodologische Qualität
Das Design einer Studie muss stimmig sein, d.h. sie muss über eine Kontrollgruppe (ohne Therapie oder Standardvorgehen) verfügen, da ansonsten der direkte Vergleich fehlt. Auch bei schlechter Qualität der Studie kann den Aussagen nicht viel Vertrauen geschenkt werden. Interessanterweise zeigen manchmal ähnliche Studien mit guter Qualität unterschiedliche Resultate.
Die Blindierung der Therapeuten und Patienten ist strittig. Physiotherapeutisches Vorgehen und Übungen benötigen einen holistischen Blickwinkel von Bewegungs-, biomedizinischen- und Verhaltenswissenschaften. Besonders bei chronischen Patienten wurde festgestellt, dass psychosozialen Faktoren die wichtigsten Risikofaktoren darstellen (Kendall et al. 1997). Daher sollten sie auch nicht von der Übungstherapie getrennt werden.
Für eine definitive Aussage ist eine ausreichende Stichprobengröße entscheidend.
Übungsverordnung
Ein wichtiger Bestandteil der Physiotherapie ist die genaue Befundaufnahme und das jeweils individuell angepasste Übungsprogramm einschließlich Erklärung, Instruktion und Unterstützung des Patienten. Es gibt kein allgemeingültiges Programm, das sich für jeden Patienten gleichermaßen eignet.
Noch mehr exaktere Studien zu den McKenzie-Übungen ebenso wie zur spezifischen Stabilisation der Wirbelsegmente sind erforderlich. Es ist klar, dass die genaue Untersuchung, Diagnosenstellung und Motivation des Patienten zu Aktivität in allen Phasen des lumbalen Rückenschmerzes von Bedeutung ist.
Chronische ebenso wie operierte Patienten benötigen ein intensives Training. Die Gruppentherapie ist hier nicht nur kostengünstiger, sondern kann zudem durch die ihr eigene Dynamik einen wichtigen positiven psychosozialen Faktor darstellen.
Folgen für den Therapeuten
Der Therapeut muss die Grundsätze der Evidence Based Medicine verstehen, auch wenn noch einige Missverständnisse bestehen. Viele in der Physiotherapie eingesetzte Methoden sind nicht wissenschaftlich belegt, sondern beruhen auf fragwürdigen Erfahrungen.
Eine Methode ist nur Evidence based, wenn ihre Wirkung in mindestens einer guten Studie nachgewiesen wurde. Allerdings ist der fehlende wissenschaftliche Beweis alleine kein eindeutiger Beleg für mangelnde Evidence.
Wert der Evidence Based Physiotherapie
Rückenschmerz ist pandemisch, aber es ist keine eindeutige Therapie in Sicht. Daher sollten sich nicht nur Ärzte und Wissenschaftler für die Evidence Based Medicine interessieren, sondern vor allem auch Therapeuten. Sie alle werden nämlich weniger Arbeit haben, wenn Therapieformen, die nicht Evidence based sind, nicht abgerechnet werden können.
Die Zahl und die Qualität der Studien steigt immer weiter an. Aus diesem Grund ist anzunehmen, dass in den nächsten Jahren die Evidence Based Medicine auch die Physiotherapie sehr verändern wird.
Die Politiker ebenso wie die Kostenträger werden die Ergebnisse der Evidence Based Medicine im Auge behalten, da nicht die Ausgaben für Therapien, sondern für Arbeitsunfähigkeit ständig steigen. So entfallen 90% der Kosten in diesem Bereich auf 10% der Patienten mit Rückenschmerzen.





